Zitate

„Josef Pieper hat Stil: so schwierig seine Gedanken manchmal sein mögen, seine Sätze sind auf bewundernswerte Weise gebaut; seine Ideen sind mit dem Höchstmaß an Klarheit ausgesprochen. Aber sein Geist beugt sich dem, was für ihn die große, die ungeschmälerte Überlieferung des abendländischen Denkens ist; seine Originalität ist in Zucht genommen und ohne Prätention.“ (T.S. Eliot). Um einen ersten Eindruck vom Denken und Schreiben Josef Piepers zu geben, findet sich auf dieser Seite eine Reihe von Zitaten zusammengestellt. Während die „Sentenzen“ um die zentralen Begriffe der Philosophie Josef Piepers kreisen, bieten die „Fragmente“ Texte zu einigen seiner pointierten Thesen. Die Zusammenstellung beider Sammlungen stammt von William J. Hoye.

I. Sentenzen

Die philosophische Sprache

Die Schwierigkeit, beides zu vermeiden, sowohl den fremdsprachlich-terminol­ogischen Jargon wie die unerlaubte Ver­einfachung, hat mich selbst immer ge­reizt. Und so habe ich mich mit einer gewissen Regelmäßigkeit der Testfrage gestellt, ob ich mich in meinem Philoso­phieren auch dem schlichten, fachlich nicht gebildeten Hörer und wenn mög­lich sogar „jedermann“ verständlich ma­chen könne. Der dahinter steckende Ehrgeiz ist übrigens eine der Früchte meines Umgangs mit amerikanischen Studenten, den ich schon manchem wortmächtigen Fachkollegen gewünscht habe – wenngleich ich selbst nicht selten bis an die Grenze der Verzweiflung ge­trieben worden bin durch die kindliche Hartnäckigkeit der wiederkehrenden Frage: What does it mean?
Josef Pieper, Noch nicht aller Tage Abend (= Werke, Erg.-Bd. 2)

Weil aber Wirklichkeit und Wahrheit in der Menschengemeinschaft nicht anders präsent sein können als im Medium der Sprache, darum geschieht in der „Vermachtung“ des Wortes noch ein weiteres Politikum, und auch dies not­wendigerweise: wenn es im Raum des öffentlichen Lebens nur noch ein „Reden-um zu“ gibt, nur noch ein „Reden-damit“, wenn es kein „Reden, weil es sich so und so verhält“, gibt, dann wird die Wirklichkeit nach und nach un­kenntlich, sie verschwindet hinter dem Dunst bloßer Zweck-Meldungen und propagandistischer Communiques und Dementis – sie wird unkenntlich für je­dermann, selbst für den, der völlig auf­ richtig und sachlich um Wahrheit sich bemühte. Der geistige Lebensraum wird besetzt von Fiktionen, deren fiktiver Charakter aber immer undurchschauba­rer werden muss.
Josef Pieper, Die Figur des Sophisten in den platonischen Dialogen (= Werke, Bd. 1)

Philosophie

Dies also ist unsere These: philosophi­sche Bildung bedürfe, um zur Entfaltung zu kommen, der Einwurzelung in Räu­me der Muße; die Muße aber lebe vom Kult. Abgeschnitten vom Kult wird die Muße müßig.
Josef Pieper, Philosophische Bildung und gei­stige Arbeit (= Werke, Bd. 3)

Philosophieren ist ein Akt, in welchem die Arbeitswelt überschritten wird.
Josef Pieper, Was heißt philosophieren? (= Werke, Bd. 3)

Philosophie ist „unbrauchbar“ im Sinne unmittelbarer Verwertung und Anwen­dung – das ist eines. Ein anderes ist, dass Philosophie sich nicht gebrauchen lässt, dass sie nicht verfügbar ist für außerhalb ihrer selbst liegende Zwecke, dass sie selber Zweck ist. Philosophie ist nicht Funktionärs-Wissen, […] nicht „nützli­ches“ Wissen, sondern „freies“ Wissen.
Josef Pieper, Was heißt philosophieren? (= Werke, Bd. 3)

Im Philosophieren jedenfalls geht es nicht so zu, dass man auf Grund eines Entschlusses einen bestimmten Standort betritt und wieder verlässt; oder dass man sozusagen eine besondere Beleuchtung einschaltet, bei der dann am Gegenstand das philosophisch Interessierende her­ vorträte. Philosophieren ist vielmehr ein menschliches Grundverhalten zur Welt, das der willkürlichen Setzung und Verfü­gung weithin entzogen ist. Eine Sache auf philosophische Weise „anzupacken“, zu philosophieren also – das ist nicht ein Verfahren, das einfachhin in unser Be­schließen gestellt ist.
Josef Pieper, Verteidigungsrede für die Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Wahrscheinlich also bedarf es einer Er­schütterung jenes durchschnittlichen, „normalen“ Weltverhältnisses, welches – natürlicherweise und auch zu Recht­ den Werktag der Menschen beherrscht; es bedarf eines gewaltsamen Anstoßes, eines Schocks, damit die über den Be­zirk der Existenzsicherung hinaus­ dringende Frage nach dem Sinn des Gan­zen von Welt und Dasein, das heißt das Philosophieren, überhaupt in Gang kom­me.
Josef Pieper, Verteidigungsrede für die Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Die methodische „Reinheit“ des Philoso­phierens scheint fast für wichtiger gehal­ten zu werden als die Antwort auf die philosophische Frage. Eben hierin liegt die entscheidende Differenz gegenüber der Haltung der großen abendländischen Philosophie. Man könnte beinahe sagen, Platon und Aristoteles hätten sich, in solchem Sinn, überhaupt nicht für „Philoso­phie“ interessiert, nicht jedenfalls für eine formal sauber abgegrenzte akademische Disziplin und schon gar nicht für die Ab­grenzung selbst. Sie haben sich statt des­sen mit einer die Aufmerksamkeit völlig aufzehrenden Frage-Energie dafür inter­essiert, vor die Augen zu bekommen und im Blick zu behalten, was das letzten Grundes sei: menschliche Tugend, Eros, das Wirkliche überhaupt. Um gar nichts anderes ist es ihnen zu tun als um eine Antwort auf diese Fragen – und sei die Antwort auch noch so ungeschützt und fragmentarisch; vor allem aber: komme sie woher auch immer!
Josef Pieper, Verteidigungsrede für die Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Der Philosoph oder, wie ich lieber sagen würde, der Philosophierende, die philo­sophierende Person ist nicht so sehr je­mand, der sich mit Erfolg eine wohl­ gerundete Weltansicht erarbeitet hat. Er ist vielmehr jemand, der damit beschäf­tigt ist, eine bestimmte Frage wachzuhal­ten, die Frage nämlich nach der letzten Bedeutung des Wirklichkeitsganzen – eine Frage, auf welche er sicherlich eine Reihe von provisorischen Antworten zu finden vermag, niemals aber „die“ Ant­wort.
Josef Pieper, Die mögliche Zukunft der Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Die großartigste Bereicherung allerdings, die dem Philosophierenden aus der Ko­operation mit der Theologie erwächst, liegt darin, an etwas gehindert zu wer­ den, nämlich daran gehindert zu werden, ein Opfer seiner ur-eigensten Gefährdungen zu werden, an deren erster Stelle zu nennen wäre: das natürliche Verlangen nach der Klarheit und Durchsichtigkeit des geschlossenen Weltbildes.
Josef Pieper, Die mögliche Zukunft der Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Philosophieren heißt: erfahren, dass die von den unmittelbaren Lebenszwecken her bestimmte Nah-Umwelt des tägli­chen Lebens erschüttert zu werden ver­mag, erschüttert werden muss (immer wieder einmal) durch den beunruhigen­ den Anruf der „Welt“, der totalen, die ewigen Wesensbilder der Dinge spiegeln­ den Wirklichkeit; Philosophieren heißt: aus der Umwelt in die Welt blicken; über dem vertrauten Gehäuse der gewohn­heitsmäßigen Einpassung in das Alltägli­che das Allgesamt der seienden Dinge gewahren; Philosophieren bedeutet, dass die zweckdienlichen, genutzten Dinge der Arbeitswelt ihre Kompaktheit verlie­ren und transparent werden auf die Welt der Wesenheiten hin. Philosophieren heißt: den Schritt tun (wir haben ja ge­fragt: wohin dringt der philosophische Akt vor, indem er die Werktagswelt über­ schreitet?) aus dem Ausschnitt-Milieu der Werktagswelt in das vis à vis de l’univers – ein Schritt, der sich stets die Rückkehr offen halten wird (denn so kann der Mensch nicht leben: die Sterne sind nicht ein Dach über dem Kopf: „vita contem­plativa non est proprie humana, sed su­perhumana“, das Leben der philosophi­schen Besinnung ist etwas Übermensch­liches).
Josef Pieper, Welt und Umwelt (= Werke, Bd. 5)

Der Vollzug des wahrhaft philosophi­schen Aktes prägt, wenn es mit glückli­chen Dingen zugeht, den Menschen un­vergleichlich tiefer, als die „Erziehung durch Wissenschaft“ es jemals vermag oder auch nur intendiert. Der Philoso­phierende, der seines Gegenstandes überhaupt ansichtig werden will, ist auf eine viel radikalere Weise in Anspruch ge­nommen. Von ihm ist weit mehr gefor­dert als Objektivität des Denkens, näm­lich eine bis auf den Grund der Seele of­fene Unbefangenheit des Blickes, ein ganz und gar schweigendes Hören, eine durch nichts getrübte „Einfalt“, simplicitas, des Geistes, die in den Kern der Person hin­abreicht. Im Philosophieren geht es nicht allein darum, Fähigkeiten zu betätigen und Kräfte anzuspannen. Der Geist sieht sich vielmehr dazu aufgefordert, seine äußerste Seinsmöglichkeit zu realisieren; nicht allein zu tun, was er kann, sondern zu werden, was er ist: Empfänglichkeit für das Totum der Welt.
Josef Pieper, Offenheit für das Ganze (= Werke, Bd. 6)

Könnte nicht – durch das Erlöschen oder vielmehr die Nichtbeachtung und Aus­sperrung der hinter dem Rücken des Philosophierenden lichtspendenden Leuchte des Offenbarungswortes – der ganze Bereich „Wurzeln der Dinge“ für die philosophierende Vernunft so völlig in Dunkelheit gefallen sein, dass er nur noch betretbar und zugänglich bleibt im Glauben an den göttlichen Logos, in welchem die Urbilder aller Dinge wahrhaf­tig wohnen – und dass es daneben über­haupt keine echte Philosophie mehr gibt, nur noch eine Pseudo-Philosophie, welcher der Bereich „Wurzeln der Din­ge“ so sehr verschlossen ist, dass sie nicht einmal mehr danach fragt?
Josef Pieper, Über das Ende der Zeit (= Werke, Bd. 6)

Und es wäre in der Tat nicht so uner­wartbar, dass in der Endzeit, unter der Herrschaft von Sophistik und pseudo­-philosophischer Entartung, die wahre Philosophie wiederum in die anfängliche Einheit mit der Theologie zurücktreten und also als unterscheidbar selbständige Größe verschwinden könnte; dass sich das ursprüngliche Ineinander der philo­sophischen und der theologischen Welt­ aussage aufs neue realisierte, nicht mehr „naiv“ freilich, sondern auf der Stufe schmerzlich reflektierter Nötigung. Es könnte also, anders ausgedrückt, mögli­cherweise geschehen, dass, am Ende der geschichtlichen Zeit, der Wurzelgrund der Dinge und der Sinn des Daseins, das eigentliche Thema der Philosophie, allein noch von dem bedacht würde, der glaubt!
Josef Pieper, Theologie – philosophisch betrachtet (= Werke, Bd. 7)

Sprache und Wahrheit

Kein Mensch, der sich unbefangen äußert, kann wünschen, dass sein Zuhö­rer es formell und ausschließlich darauf abgesehen habe, herauszubekommen, was er, der Sprechende, denkt und sagt. Das „genügt“ dem natürlich sich äußern­ den Menschen nicht. Er will, natürlicher­weise, dass der Hörer das Gesagte be­denke, dass er es prüfe, dass er das Ge­sagte messe an dem, was er, der Hörende, für wahr hält. Der gesunde Sinn hat sogar Widerspruch und Einwand lieber als jene Neugier, die sich auf den Spre­cher als solchen richtet.
Josef Pieper, „Billigkeit“ in der Interpretation (= Werke, Bd. 1)

Wer, indem er Platon oder sonst einen der großen Weisheitslehrer liest, es ein­zig oder vor allem darauf abgesehen hat, zu erfahren, was andere gedacht haben, statt darauf, zu erfahren, wie die Wahr­heit der Dinge sich verhält – der hört dem Autor nicht eigentlich zu, so hoch er ihn auch zu schätzen meint (oder vorgibt).
Josef Pieper, „Billigkeit“ in der Interpretation (= Werke, Bd. 1)

Wahrheit und menschliches Leben

Die Dinge, soviel als möglich, sehen, wie sie sind, und aus der so ergriffenen Wahr­heit leben und wirken, darin liegt „das Gut des Menschen“, und darin besteht ein sinnvolles menschliches Dasein.
Josef Pieper, Missbrauch der Sprache – Missbrauch der Macht (= Werke, Bd. 6)

Das Reden der Menschen miteinander, der wirkliche Dialog, die Unterredung, ist die ausgezeichnete Weise, in welcher Wahrheit überhaupt zugänglich wird; menschliches Erkennen hat wesentlich die Struktur des Sich-Unterredens, so­ gar wenn es sich, anscheinend, im Inne­ren eines einsamen Denkers zuträgt – ohne Partner (wie es scheint), ohne Laut und ohne ausdrückliche Anrede.
Josef Pieper, Die Figur des Sophisten in den platonischen Dialogen (= Werke, Bd. 1)

Glückseligkeit

Indem wir also Glückseligkeit wollen, wirkt in uns eine Schwerkraft, die ganz und gar in unserem eigenen Herzen ih­ren Ort hat. Aber wir haben keine Ge­walt über sie – weil wir selber diese Schwerkraft sind. Indem wir glücklich sein wollen, geschieht etwas Dunkles und Blindes inmitten des Geistes, der den­ noch nicht aufhört, Licht und sehendes Auge zu sein. Es geschieht etwas, „hin­ ter“ das wir nicht zu dringen vermögen, dessen Grund wir nicht sehen und für das wir den Grund nicht nennen können. Warum willst du glücklich sein? So fragt man nicht – weil niemand die Antwort weiß.
Josef Pieper, Glück und Kontemplation (= Werke, Bd. 6)

Es ist nicht schon das bloße Sehen (Ha­ben, Besitzen, Teilhaftigsein) an sich, wodurch einer glücklich wird. Glücklich ist, wer sieht, was er liebt. Es ist allein die Gegenwart des Geliebten, die glück­lich macht. Das heißt: ohne Liebe gibt es kein Glück; wo nicht ein Fünklein von Zustimmung und Bejahung wäre, da gäbe es nicht einmal die Möglichkeit von Glück – weder in der Weise des Sehens noch irgendwie sonst. Liebe ist die unabding­bare Voraussetzung von Glück. (Es ist allerdings auch niemand unglücklich, der nicht liebt. Unglücklichsein besteht ja in nichts anderem als darin, nicht zu besit­zen, was man liebt.)
Josef Pieper, Glück und Kontemplation (= Werke, Bd. 6)

Interpretation

In der Interpretation eines Textes, zumal eines Textes aus fremder Kultur oder Epoche, ist das schlechthin Entscheiden­ de und zugleich Schwierige dies: die fun­damentalen Selbstverständlichkeiten zu erfassen, die unausgesprochen das Ge­sagte durchwirken; den unsichtbaren Notenschlüssel herauszufinden, dem das ausdrücklich Gesagte unterstellt ist.
Josef Pieper, Über das negative Element in der Philosophie des heiligen Thomas von Aquin (= Werke, Bd. 2)

Existentielle Erschütterung

Aber nicht nur die Kontemplation, die vita contemplativa ist hinderlich, wenn der Mensch einmal sein Ziel darein gesetzt hat, vor allem, nach dem Wort von Descartes, „zum Herren und Eigentümer der Natur“ zu werden. Hinderlich sind auch die Erschütterungen, die den Men­schen die praktischen Lebenszwecke vergessen machen könnten, die Erschüt­terung im Angesicht des Todes zum Bei­ spiel oder die Erschütterung durch die Erfahrung übermenschlicher Realität oder auch die Erschütterung durch den Eros. Gerade dies, die Vermeidung der existentiellen Erschütterung mit den Mit­teln einer rationalen Lebenstechnik, die methodische Ausschaltung alles dessen, was nicht „eingeplant“ werden kann, weder in den sozialen Nutzungsplan noch in das individuelle Programm eines „er­folgreichen“ Lebens; die Vermeidung der echten Erschütterung bei gleichzeitiger Praktizierung von dosierbaren künstli­chen Räuschen und Erregungen – gera­de dies scheint zu der über die Epochen
hin zeitlos gültigen Thematik und Pro­grammatik der Sophistik zu gehören.
Josef Pieper, Begeisterung und göttlicher Wahnsinn (= Werke, Bd. 1)

Solange man nicht begriffen und „reali­siert“ hat, dass der freilich ganz und gar hiesige, leibhaftige Liebende es ist, der durch die Begegnung mit Schönheit er­schüttert wird, durch die Begegnung also mit etwas wiederum Hiesigem, Leibhaf­tigem, Sinnfälligem; solange man nicht zugleich bedenkt und vor Augen hat, dass dieser solchermaßen Erschütterte in dem, was er ist, schlechthin hinausragt über die Dimension des Hier und Jetzt, ungeworden und unvergänglich, mit nichts Geringerem endgültig zu stillen als mit dem Ganzen, dem Totum an Sein, Wahrheit, Gutheit, Schönheit – so lange ist man einfachhin außerstande, wahrzu­nehmen, was eigentlich „Eros“ ist; solan­ge hat man schlechterdings keinerlei Aus­sicht, der erotischen Erschütterung auch nur auf die Spur, geschweige denn auf den Grund zu kommen.
Josef Pieper, Begeisterung und göttlicher Wahnsinn (= Werke, Bd. 1)

Geist

Es ist wichtig, die Unterscheidung zwi­schen artes liberales und artes serviles als eine Rangordnung zu verstehen. Rang­ordnung besagt nicht, dass etwa das im Range niedriger Stehende als nichtig oder auch nur als nicht notwendig betrachtet wird. Darüber wird man doch wohl nie­manden von uns noch belehren müssen: dass die Stillung der Notdurft notwendig ist und also auch die „knechtlichen Ar-
beiten“, die auf die Stillung dieser Not­durft gerichtet sind. Aber gerade weil die­se Dinge uns so sehr als notwendig er­ scheinen, dass sie das ganze Dasein aus­ zufüllen im Begriff sind – gerade darum ist es entscheidend für uns, dass wir so­ zusagen den Heroismus aufbringen, über diesen so notwendigen Dingen noch die eigentlich menschlich-geistigen im Auge zu behalten und auch in unserem, ja nicht zufällig (gewiss nicht) fast ganz durch die Notdurft beherrschten Dasein noch ei­nen Raum freizuhalten für die Dinge, die nicht satt machen, zu nichts nützlich sind und doch die Würde des Menschen ei­gentlich ausmachen. Hier ist wirklich so etwas wie Heroismus gefordert vom „geistigen Menschen“.
Josef Pieper, Philosophische Gedanken zum sozialen Problem (= Werke, Erg.-Bd. 1)

Das Schöne

Wir erfahren, heißt das, indem wir Schön­heit auf die rechte Weise aufnehmen, nicht so sehr Stillung, Befriedigung und Genuss als vielmehr die Hervorrufung ei­ner Erwartung; wir werden verwiesen auf etwas Nicht-schon-Anwesendes. Wer sich die Begegnung mit Schönheit auf die gemäße Weise widerfahren lässt, wird nicht einer Erfüllung ansichtig und teilhaftig, sondern eines Versprechens – das möglicherweise im Raum dieser leib­haftigen Existenz überhaupt nicht einge­löst werden kann.
Josef Pieper, Begeisterung und göttlicher Wahnsinn (= Werke, Bd. 1)

Man liest und hört nicht selten, in der Unzucht sinke der Mensch auf die Stufe des Tieres hinab – eine mit Vorsicht zu gebrauchende Wendung; denn Unzucht (wie auch Zucht) ist etwas ausschließlich Menschliches, weder der Engel kennt sie noch das Tier. Aber von jener Unter­scheidung her bekommt die Redensart doch einen guten Sinn: ein unkeuscher Genusswille hat die Tendenz, den Gesamt­ bestand der sinnlichen Welt, besonders die sinnliche Schönheit, einzig auf die Geschlechtslust zu beziehen. Nur eine keusche Sinnlichkeit also vermag die ei­gentlich menschliche Fähigkeit zu ver­wirklichen, sinnliche Schönheit, etwa die des menschlichen Leibes, als Schönheit zu gewahren und sie, unverwirrt und nicht befleckt von einem alles vernebeln­ den selbstischen Genusswillen, um ihrer selbst willen, „propter convenientiam sensibilium“, zu genießen. Es ist mit Recht gesagt worden: nur wer ein reines Herz habe, vermöge frei und befreiend zu la­chen. Nicht minder gilt, dass nur, wer mit reinen Augen in die Welt blickt, ihre Schönheit erfährt.
Josef Pieper, Zucht und Maß (= Werke, Bd. 4)

Die Liebe

Was also wollen wir, letzten Grundes und aufs Ganze gesehen, wenn wir jemanden wahrhaft lieben? Hierauf hat die große europäische Theologie geantwortet: „ut in Deo sit“; wir wünschen ihm, dass er in Gott sei. Das ist zweifellos eine sehr fei­erliche und das Äußerste zur Sprache bringende Antwort. Aber ich wage zu behaupten, dass sie, wenngleich sozusa­gen „unter Eid“, die Jedermannsmeinung
ausspricht.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Anderseits ist es gerade die in der Ge­ringschätzung des Eros mitgemeinte Dif­famierung des menschlichen Glücks­verlangens, welche den unbefangenen Blick auf das Phänomen „Liebe“ trübt und verstellt. Und erst die Klarstellung, dass sich weder das eine noch das ande­re auf die Daseinsdeutung berufen kann, die unser Denken bis in seine kaum noch bewussten Wurzeln und bis in das spon­tane Sprechen hinein prägt, auf die christ­liche also – erst diese Rückgewinnung einer in der großen Tradition des euro­päischen Denkens nie verlorengegange­nen Erkenntnis macht auch die Sicht wie­ der frei für den fundamentalen Sachver­halt, dass alle Liebe nicht nur zur natürli­chen Frucht die Freude hat, sondern dass auch alles menschliche Glücklichsein – wonach wir unhemmbar und gar nicht notwendig „selbstisch“ und daher auch durchweg unbeirrten Gewissens verlan­gen – im Grunde Glück der Liebe ist, hei­ße sie nun Eros oder caritas oder agape, und meine sie den Freund, die Geliebte, den Sohn, den Nächsten oder Gott selbst.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Und auch das Element von Dank, schon in der allerersten Regung der Liebe, wird noch um einen Grad begreiflicher; es ist der Dank dafür, dass uns wirklich zuteil geworden ist, was wir von Natur erseh­nen und lieben: aus ganzem Herzen et­ was „gut“ heißen zu können.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Selbst der unglücklich Liebende ist glücklicher als der Nicht-Liebende, mit dem er niemals tauschen würde – nicht nur weil ihm, rein in dem Faktum des Liebens selbst, etwas Geliebtes zuteil geworden ist, sondern weil er sogar an dem Sichabwendenden, dem Undankba­ren, dem auf Abwege Geratenen, an dem solchermaßen also mit Schmerzen Ge­liebten noch immer Anteil hat und be­hält; weil der Liebende mit ihm auf ir­gendeine Weise verbunden und eins bleibt; weil selbst die unglückliche Liebe das Prinzip der Geschiedenheit, auf dem „die ganze Philosophie der Hölle beruht“, dennoch durchbricht und so einen rea­len Grund zur Freude sich bewahrt, ein wenn auch nur winziges Stück „Para­dies“.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Es scheint mir in der Tat so zu sein, dass die Verknüpfung aller Aspekte des vielgesichtigen Phänomens „Liebe“, wie sie, wenn es mit rechten Dingen zugeht, die Lebensgemeinschaft von Mann und Frau charakterisiert, gerade durch den Eros geleistet und verbürgt wird; dass also die erotische Liebe die Klammer ist, welche allein – zugespitzt formuliert – sex und agape zusammenzuhalten vermag …. Und es spricht vieles dafür, dass, wenn diese Klammer, welche Eros heißt, weg­ fällt und negiert wird, das Sinnganze menschlicher Liebesmöglichkeiten au­genblicks sich auflöst.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Es ist also nicht ganz unbegreiflich, wie­ so der Eros, so verstanden, das Wesen von Liebe überhaupt am reinsten verwirklicht – solange er regiert. Diese Hin­zufügung oder auch Einschränkung ist allerdings vonnöten. Denn obwohl kaum irgendwo sonst das Wort „ewig“ so hei­misch ist wie im Vokabular des Eros (und es ist ja keineswegs nur „Schall und Rauch“: im festlichen Außersichsein der erotischen Entzückung steht wirklich die Zeit still, und es kommt so etwas wie jenes „ruhende Nun“ zustande, das in der Tat ein Element des Begriffs „Ewig­keit“ ist) – dennoch entfaltet sich, so scheint es, die erotische Liebe nur für eine kurze Spanne Zeit zur vollen, schö­nen Blüte, zu Anfang vor allem, in der „ersten“ Liebesbegegnung. Eros sei, so hat man gesagt, „von Natur eine Vorre­de“, „a preface by nature“; aber diese Vorrede wird, wenn es mit glücklichen Dingen zugeht, nicht vergessen; sie hat einen Maßstab gesetzt und einen unaufzehrbaren Vorrat geschaffen. An­derseits ist es zweifellos nur realistisch, die erotische Liebe die „sterblichste Ge­stalt“ der Liebe zu nennen.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Ebendies ist das eigentlich Schlimme und Unmenschliche an dem vom Eros abge­trennten sex-Konsum, dass er genau das vereitelt, was den Sinn der Liebes­begegnung im Ganzen des Daseins gera­de ausmacht: das Hinaustreten aus der eigenen Begrenzung und Ichhaftigkeit durch das Einswerden mit einer ande­ren Person. Als personales Wesen aber, das heißt als ein lebendiger Jemand mit einem individuell geprägten Menschen­antlitz, tritt ja der bloße sex-Partner gar nicht vor den Blick.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Sinnlichkeit

Nicht von ungefähr formuliert Thomas einmal den Einwand: Da Gott ein unkör­perliches Wesen sei und da unser Ziel „Gottähnlichkeit“ sei, müsse man doch wohl sagen, die vom Leibe getrennte Seele sei gottähnlicher als die mit dem Leibe verbundene – ein Argument also, das sich auf einen sehr erhabenen Ge­danken stützt, dem, so scheint es, nie­mand widersprechen kann. Nun, Tho­mas ist dieser Niemand: „Mehr als die vom Leibe getrennte Seele ist die mit dem Leibe verbundene Seele Gott ähnlich, weil sie [- die leibhaftige Seele -] auf voll­kommenere Weise ihre Natur besitzt“, Leibhaftigkeit also ist gut. Damit ist ein­schlussweise gesagt: Sinnlichkeit ist gut (so sehr, dass die „Unsinnlichkeit“ nicht bloß ein Defekt, sondern ein vitium, ein sittli­cher Mangel genannt wird); Zürnkraft ist gut; die Geschlechtskraft ist gut. Man könnte Hunderte von solchen Sätzen zi­tieren.
Josef Pieper, Thomas von Aquin (= Werke, Bd. 2)

Muße

Nur wer schweigt, hört. Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, des anschauenden, kontemplativen Sich-Versenkens in das Seiende. Sie steht senkrecht zum Ablauf des Arbeitstages; sie ist nicht, wie die Pause, ein Teil von ihm.
Josef Pieper, Philosophische Bildung und gei­stige Arbeit (= Werke, Bd. 3)

Muße ist zweitens die Haltung feiernder Betrachtung der Welt; sie lebt aus der Beziehung des Sinngrundes der Wirklich­keit, ja aus dem Bewusstsein der Über­einstimmung mit ihm und der Einbe­schlossenheit in ihm. Muße ist, wegen dieses bejahenden Einsseins mit dem Grunde der Wirklichkeit, jene seelische Verfassung, in welcher dem Menschen, wie im Schlafe, ohne sein mühsames Zutun, aber auch durch keine Mühe er­jagbar, das Geschenk zuteil werden kann, zu gewahren, „was die Welt im Inner­sten zusammenhält“ – vielleicht nur für einen Augenblick, dessen Einsichten dann in mühsamer Arbeit wiederentdeckt und rekonstruiert werden müssen.
Josef Pieper, Philosophische Bildung und geistige Arbeit (= Werke, Bd. 3)

Muße heißt Feiern. Muße empfängt ih­ren Sinn von ebendort her, von wo her das Fest und die Feier ihren Sinn emp­fangen: Es gibt kein Fest, das nicht aus dem Kult lebte. Und der letzte Legitimierungsgrund auch der Muße ist darin ge­legen, dass sie eine lebendige Beziehung habe zur kultischen Feier.
Josef Pieper, Philosophische Bildung und geistige Arbeit (= Werke, Bd. 3)

Man muss sehen, dass der völlige und end­gültige Verfall jenes abendländischen Fun­damentalbegriffs „Muße“ eine ganz kla­re geschichtliche Konsequenz haben wird, und die heißt: totalitärer Arbeits­staat. Man muss – wenn uns diese Konse­quenz missfällt – sehen, dass es gegen die totale Arbeitswelt keinen prinzipiellen Widerstand geben kann, das heißt, einen Widerstand von den letzten menschli­chen Stellungnahmen her, und das heißt, den auf die Dauer allein zulänglichen Widerstand – wenn wir nicht den Sinn des Satzes wiederentdecken und neu vollzie­hen: Wir arbeiten, um Muße zu haben.
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Hinderlich ist uns Deutschen vor allem, so scheint es, die fatale Nachbarschaft von Muße und Müßiggang, eine bloße Nachbarschaft der Vokabeln; sachlich ge­sehen ist nämlich Nichtstun gerade das Gegenteil von „Muße-wirken“ (so sagten die Griechen: schole agein) Wir arbeiten, um Muße zu haben – das würde also, in einer ersten Annäherung, besagen: wir arbeiten, um etwas zu tun, um etwas tun zu können, das nicht Arbeit ist. Was für ein Tun ist da gemeint? Erholung, Unter­haltung, Amüsement, Spiel – all dies ist nicht gemeint. Das wäre doch auch un­sinnig: zu denken, die Arbeit sei um des Spieles willen da. Gemeint ist ein Tun, das in sich selber sinnvoll ist. Und die Arbeit – ist sie nicht gleichfalls sinnvoll? Sinnvoll – ja! Aber nicht sinnvoll in sich selbst.
Gerade dies macht den Begriff Arbeit aus: dass sie zu etwas anderem dienlich ist, dass sie Nutzwerte schafft, dass sie Beitrag ist zum gemeinen Nutzen (und Nutzen heißt immer: gut sein für etwas anderes). Zu etwas anderem zu „dienen“: dies ist der Arbeit wesentlich. Hier hat auch die anstößige Wortprägung „knechtliche Ar­beit“ ihren Ort. Sie hat mit irgendwelcher Verächtlichmachung der Arbeit oder gar des arbeitenden Menschen nicht das min­deste zu schaffen. Man kann sagen, das Gegenteil sei wahr. Freilich, es gebe, so haben die Alten es verstanden, auch menschliche Tätigkeiten, die nicht zu et­ was anderem gut sind; es gebe auch nicht-knechtliche Tätigkeiten. Und zwar seien das Wirkformen, die jedem Men­schen, auch dem arbeitenden Menschen, zustehen, unabdingbar und unverzicht­bar sogar (wie auch die knechtliche, die der Notdurft dienende, nutzende Tätig­keit, die Arbeit, durchweg von jeder­mann zu leisten sei).
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Tradition

Originalität ist, so scheint mir, auf diesem Felde ohne Belang. Ich versuche, zu Wort zu bringen, was die abendländische Weisheitstradition an Auskunft enthält. Das gewichtigste Element dieser Aus­kunft ist: die letzte Erfüllung, das schlechthin in sich selbst sinnvolle Tun, der vollkommene Lebensvollzug, die äußerste Stillung und das Zuteilwerden der vollen Lebenshabe müsse sich in ei­nem Sehen ereignen, nämlich im schau­ enden Gewahrwerden des Urgrundes der Welt.
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Wer etwas überliefern will, der muss nicht von Tradition reden; sondern er muss da­für sorgen, dass die zu überliefernden In­halte, die alten Wahrheiten, präsent ge­halten werden, zum Beispiel durch eine lebendige Sprache, durch schöpferische Übersetzung, durch ständige Konfrontie­rung mit dem unmittelbar Gegenwärti­gen und vor allem auch mit der Zukunft.
Josef Pieper, Über die Schwierigkeit, heute zu glauben (= Werke, Bd. 7)

Der Flirt

Der „Flirt“, den die Engländer sehr treff­sicher als „attention without intention“ definiert haben, ist zwar eine das Mo­ment der ichhaften Selbstsicherung über­ steigernde Zerrform der gesellschaftli­chen Geselligkeit, aber er verdeutlicht gerade deswegen in einzigartiger Weise die hervorgehobene Einzelhaftigkeit, die ein Strukturmerkmal allen gesellschaftli­chen Zusammenlebens ist. Das Wesen des Flirts beruht auf dem bewussten und eingestandenen Willen zur Nichthingabe und zur Selbstbewahrung.
Josef Pieper, Grundformen sozialer Spielregeln (= Werke, Erg.-Bd. 1)

Klugheit

In dem Satze vom Vorrang der Klugheit spiegelt sich, wie kaum in sonst einem Satze der Ethik, das innere Baugerüst der christlich-abendländischen Metaphysik insgesamt: dass nämlich das Sein früher ist als das Wahre und das Wahre früher als das Gute.
Josef Pieper, Traktat über die Klugheit (= Werke, Bd. 4)

Die Klugheit ist die Ursache dessen, dass die übrigen Tugenden überhaupt Tugen­den sind.
Josef Pieper, Traktat über die Klugheit (= Werke, Bd. 4)

Die „Ungewissheit“ im Befehl der Klug­heit liegt darin, dass er das objektiv Gute und Richtige auch verfehlen kann. Das subjektiv Gute kann er nicht verfehlen; denn subjektiv gut ist das von der Klug-heit befohlene Tun immer und wesens­notwendig.
Josef Pieper, Traktat über die Klugheit (= Werke, Bd. 4)

Der Sinn der Tugend der Klugheit aber ist vornehmlich dieser: dass nicht nur das Ziel des menschlichen Wirkens, sondern auch der Weg seiner Verwirklichung der Wahrheit der wirklichen Dinge entspre­che.
Josef Pieper, Traktat über die Klugheit (= Werke, Bd. 4)

Die sittliche Handlung ist nicht „aus sich“ gut; sondern sie ist dadurch gut, dass sie ihr Maß empfängt von der Klugheit.
Josef Pieper, Die Wirklichkeit und das Gute (= Werke, Bd. 5)

Das Kluge ist das Maß des Guten; das Maß der Klugheit aber ist nicht wieder­ um etwas innerhalb des Subjekts, auch nicht unmittelbar „Gott im Gewissen“, sondern: das Seinswirkliche. Was gut sei, das bestimmt die Klugheit; was aber klug sei, das bestimmt „die Sache selbst“,
Josef Pieper, Die Wirklichkeit und das Gute (= Werke, Bd. 5)

Gerechtigkeit

Weil der Geliebte nicht eigentlich „je­mand anders“ ist, darum gibt es zwischen Liebenden nicht im genauen und vollen Sinn Gerechtigkeit. Gerechtsein heißt: den Anderen als Anderen gelten lassen; es heißt: da anerkennen, wo man nicht lieben kann.
Josef Pieper, Über die Gerechtigkeit (= Werke, Bd. 4)

Ein anderer, im Grund zwar durchaus li­beralistischer, aber keineswegs auf das sogenannte „Zeitalter des Liberalismus“ beschränkter Irrtum über die Gerechtig­keit besagt: man könne gerecht sein, ohne tapfer sein zu müssen. Es ist das nicht so sehr ein Irrtum über das Wesen der Gerechtigkeit als ein Irrtum über die Seinsverfassung „dieser“ Welt, in welcher die Gerechtigkeit verwirklicht werden muss. „Diese“ Welt ist nämlich so gebaut, dass die Gerechtigkeit, wie das Gute über­haupt, sich nicht „von selbst“ „durch­ setzt“, ohne den todbereiten Einsatz der Person. Das Böse hat Macht in „dieser“ Welt: diese Tatsache bekundet sich in der Notwendigkeit der Tapferkeit, die eben nichts anderes ist als die Bereitschaft, um der Verwirklichung des Guten willen Ver­wundungen in Kauf zu nehmen. So ist, wie Augustinus sagt, die Tapferkeit selbst ein unwiderleglicher Zeuge für die Exi­stenz des Bösen in der Welt.
Josef Pieper, Über das christliche Menschenbild (= Werke, Bd. 7)

Tapferkeit

Das Martyrium ist die eigentliche und höchste Tat der Tapferkeit. Die Bereit­schaft zum Martyrium ist die Wesens­wurzel aller christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne die­se Bereitschaft.
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Die Todesbereitschaft ist also eines der Fundamente christlichen Lebens.
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Zunächst und vor allem: der Tapfere nimmt die Verwundung nicht um ihrer selbst willen hin. Das „Leiden um des Leidens willen“ ist dem Christen nicht minder als dem „natürlichen“ Menschen ein Un-Sinn. Der Christ verachtet nicht die Dinge, die durch die Verwundung zerstört werden. Der Märtyrer schätzt nicht schlechthin das Leben gering; wenn er es auch für geringer hält als das, wes­ wegen er es hingibt. Der Christ liebt sein Leben, sagt Thomas, nicht nur mit den naturhaften lebenswilligen Kräften des Leibes, sondern auch mit den sittlichen Kräften der geistigen Seele. Und das ist nicht wie eine Entschuldigung gesagt. Ge­meint ist nicht, dass der Mensch sein na­türliches Leben liebe, weil er eben „nur ein Mensch“ sei; sondern: dass er es lie­be, just weil und sofern er ein guter Mensch sei.
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Darum ist die Tapferkeit, obwohl sie vom Menschen das Schwerste fordert, doch nicht die erste und größte unter den Tu­genden. Denn nicht das Schwere und nicht die Anstrengung machen die Tu­gend, sondern einzig das Gute.
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Tapfer sein ist nicht dasselbe wie keine Furcht haben. Ja, die Tapferkeit schließt eine bestimmte Art von Furchtlosigkeit geradezu aus, nämlich jene Furchtlosig­keit, die auf einer falschen Einschätzung und Bewertung der Wirklichkeit beruht. Solche Furchtlosigkeit ist entweder blind und taub für die wirkliche Gefahr, oder sie stammt aus einer Verkehrung der Lie­be. Denn Furcht und Liebe bedingen ein­ander: wo einer nicht liebt, da fürchtet er auch nicht, und wer verkehrt liebt, fürchtet verkehrt. Wer den Willen zum Leben verloren hat, fürchtet den Tod nicht. Diese lebensmüde Gleichgültigkeit ist aber weit entfernt von echter Tapfer­keit; sie ist eine Verkehrung der natürli­chen Ordnung. Tapferkeit erkennt, er­ kennt an und wahrt die natürliche Ord­nung der Dinge. Der Tapfere ist sehend; er sieht, dass die Verwundung, die er auf sich nimmt, ein Übel ist, er verfälscht nicht die Wirklichkeit und wertet sie nicht um, sie „schmeckt“ ihm, wie sie wirklich ist: er liebt nicht den Tod, und er verach­tet nicht das Leben. Tapferkeit setzt in einem bestimmten Sinne voraus, dass der Mensch sich vor dem Übel fürchtet; ihr Wesen liegt nicht darin, keine Furcht zu kennen, sondern darin, sich durch die Furcht nicht zum Bösen zwingen oder von der Verwirklichung des Guten ab­ halten zu lassen.
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Maß

Der naturhafte Drang zum sinnlichen Genuss, in der Lust an Speise und Trank und in der Geschlechtslust, ist das Echo und der Spiegel der stärksten naturhaf­ten Bewahrungskräfte des Menschen. Diesen urtümlichsten Daseinskräften – die darauf gerichtet sind, den Einzelnen wie das Menschengeschlecht im Sein zu erhalten, für das sie geschaffen sind (Weish 1, 14) – entsprechen die Urfor­men des Genießens. Gerade weil aber diese Kräfte aufs engste dem tiefsten menschlichen Seinsdrang zugeordnet sind, gerade deswegen übertreffen sie, wenn sie selbstisch entarten, alle übri­gen Kräfte des Menschen an selbstzer­störerischer Wucht.
Josef Pieper, Zucht und Maß (= Werke, Bd. 4)

Ja, die völlige, aller Geschlechtslust un­empfindlich abgewandte Unsinnlichkeit (insensibilitas), die gewiss manch einer für das nach christlicher Lehre „eigentlich“ Vollkommene und Ideale halten möchte, wird in der Summa theologica nicht nur als ein Defekt, sondern als ein geradezu sittlicher Mangel (vitium) bezeichnet. Die den Zeugungsakt begleitende Lust müs­se im Paradiese – bei ungetrübter Wach­heit des Geistes – noch stärker gewesen sein, wegen der größeren Feinheit der Natur und der höheren Empfindungs­fähigkeit des Leibes.
Josef Pieper, Zucht und Maß (= Werke, Bd. 4)

Tugend

In der Sittenlehre geht es um die richtige Meinung vom Menschen. Natürlich han­delt sie auch vom Tun, von Pflichten, Geboten und Sünden. Aber ihr primärer, alles andere begründender Eigen­gegenstand ist: das richtige Sein des Men­schen, das Bild des guten Menschen.
Josef Pieper, Über das christliche Menschen­bild (= Werke, Bd. 7)

Traurigkeit

Dem wirklich eindringenden Wissen um die geschaffenen Dinge sei eine abgrün­dige Traurigkeit zugeordnet, eine Trau­rigkeit, so unüberwindlich, daß sie dem Menschen durch keine natürliche Kraft der Einsicht und des Willens abgenom­men werden könne (und diese Traurig­keit sei es, von der in den Seligpreisun­gen der Bergpredigt gesagt ist: Selig sind die Trauernden, denn sie werden getrö­stet werden).
Josef Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit (= Werke, Bd. 4)

Sanftmut

Sanftmut aber bedeutet nicht, dass die ursprüngliche Kraft des Zürnens ge­schwächt oder gar „abgetötet“ werde, so wenig wie Keuschheit eine Schwä­chung der Geschlechtskraft besagt. Im Gegenteil: Sanftmut als Tugend setzt die Kraft des Zürnens voraus; Sanftmut heißt, diese Kraft zu ordnen, nicht, sie zu schwächen. Jene blassgesichtige Harm­losigkeit, die sich, leider oft mit Erfolg, für Sanftmut ausgibt, soll doch niemand für eine christliche Tugend halten. Un­sinnlichkeit ist nicht Keuschheit; und die Unfähigkeit zu zürnen hat mit Sanftmut nicht das mindeste zu tun. Solche Unfä­higkeit ist nicht nur überhaupt keine Tu­gend; sondern sie ist, wie Thomas aus­drücklich sagt, ein Fehler, peccatum und vitium.
Josef Pieper, Zucht und Maß (= Werke, Bd. 4)

Sinnlichkeit

Ebenso aber wie „Sinnlichkeit“ und „Be­gehren“, so gehört auch die Kraft des Zürnens zu den Urkräften des mensch­lichen Wesens. In dieser Kraft, zu zür­nen, spricht sich geradezu die Energie der Menschennatur am deutlichsten aus. Auf das schwer zu Erlangende, auf das dem mühelosen Zulangen sich Versagende richtet sich diese Kraft, überall da zum Einsatz bereit, wo ein bonum arduum, ein „steiles Gut“, auf Eroberung wartet. „Dazu ist die Zürnkraft den Sinnenwesen gegeben, dass die Hindernisse wegge­räumt werden, wodurch die Begeh­rungskraft gehemmt wird, sich auf ihren Gegenstand zu spannen, sei es wegen der Schwierigkeit, ein Gut zu erlangen, sei es wegen der Schwierigkeit, ein Übel zu überwinden.“ Zorn ist die Kraft, das Wid­rige anzugreifen; die Kraft des Zürnens ist die eigentliche Widerstands-Kraft der Seele. Wer also die Kraft des Zürnens verketzert, als sei sie in sich selbst etwas Widergeistiges und also „abzutöten“, der tut das gleiche wie einer, der solches von „Sinnlichkeit“, „Leidenschaft“ und „Be­gehren“ sagt. Beide schmähen die Grundkräfte unseres Wesens, beide be­leidigen den Schöpfer, der, wie die Litur­gie der Kirche sagt, „die Würde des menschlichen Wesens wunderbar ge­gründet“ hat.
Josef Pieper, Zucht und Maß (= Werke, Bd. 4)

Arbeit

Wir haben uns schon ein wenig daran gewöhnt, den Begriff des Wollens auf den des Tun-Wollens einzuschränken, ent­sprechend einer vielzitierten Definition, wonach das „eigentliche Wollen“ besa­ge: „sich auf Grund von Motiven für Handlungen entscheiden“. Solche aktivis­tische Schrumpfungen gibt es, höchst charakteristischerweise, auch in der Vor­stellung vom Erkennen – als trüge Er­kenntnis sich einzig in der „geistigen Ar­beit“ des schlussfolgernden Denkens zu und nicht ebenso in Gestalt des „einfa­chen Schaublicks“, worin wir gerade der Grundsachverhalte des Denkens wie der Existenz unmittelbar gewiss sind.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Dies allerdings bleibt gültig: die Allein­herrschaft des wirtschaftlich rechnenden Verstandes macht nicht nur den festli­chen Überschwang unmöglich, sondern das Fest selbst. Alle Prachtentfaltung der Arbeitswelt ist kalkuliert und eben damit unfestlich. Die hunderttausend Lichter der weihnachtlichen Wirtschaftswerbung bleiben unvermeidlich ein im Grunde karger Aufwand, ohne jede wirkliche Ausstrahlung. Hier ist an G. K. Chester­tons treffsichere Bemerkung über die Lichtreklamen des nächtlichen Times Square in New York zu erinnern: Welch herrliche Sache für den, der das Glück hätte, des Lesens unkundig zu sein!
Josef Pieper, Zustimmung zur Welt (= Werke, Bd. 6)

Wer in der inwendigsten Zelle der Seele uneins ist mit sich selbst, wer also nicht sein will, was er von Grund auf dennoch ist, der vermag nicht in sich selbst zu wohnen und bei sich selbst zu Hause zu sein. Er muss den, natürlich vergeblichen, Versuch machen, aus der eigenen Mitte auszubrechen – zum Beispiel in die Rast­losigkeit des Arbeitens um der Arbeit willen oder auch in die unersättliche Neugier der bloßen Schaulust, die in Wahrheit nicht nach Erkenntnis sucht, sondern nach nichts anderem als nach „Möglichkeiten des Sich-Überlassens an die Welt“ (Heidegger), das heißt nach Möglichkeiten, sich selbst aus dem Wege zu gehen.
Josef Pieper, Die Verborgenheit von Hoffnung und Verzweiflung (= Werke, Bd. 7)

Wenn einmal die Aufmerksamkeit fast völlig (und beileibe nicht durch den blo­ßen Mutwillen des einzelnen) eingespielt ist auf die Kategorie des praktischen Nutzeffekts, dann ist es schließlich nur natürlich, dass man es schwer hat, über­haupt herauszufinden, was für einen Sinn ein Tun haben könnte, das seltsamerwei­se nicht primär etwas bewirken soll. Frei­lich, diese Schwierigkeit pflegt sich nicht allein in wortloser Verlegenheit zu äu­ßern; sie meldet sich oft genug mit höchst aggressiven Argumenten zu Wort. Und das ist der Punkt, an dem das Streitge­spräch seinen Anfang nimmt.
Josef Pieper, Bewirken und Bedeuten (= Werke, Bd. 7)
Durch diese Fiktion, Arbeit als Schaffung von Nutzwerten sei sinnvoll in sich selbst – durch diese Fiktion geschieht genau das Gegenteil dessen, was zu geschehen scheint. Es geschieht genau das Gegen­ teil einer „Befreiung“, einer „Erhöhung“, einer „Rehabilitierung“ des arbeitenden Menschen. Es geschieht präzis das, was die Unmenschlichkeit der totalen Ar­beitswelt tatsächlich ausmacht: es ge­schieht die endgültige Fesselung des Menschen an den Arbeitsprozess, es geschieht ausdrücklich die Proletarisie­rung aller.
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Wie sieht, hier und jetzt, ein in sich selbst sinnvolles Tun aus? Ich sagte schon, wenn wir nicht imstande sind, hierauf zu ant­worten, dann gibt es keine ins Gewicht fallende Möglichkeit eines Widerstandes gegen die totale Arbeitswelt. Nun, die in der abendländischen Tradition enthalte­ne Antwort auf diese Frage würde etwa so lauten: Wo immer wir sehend, schau­end, betrachtend – und sei es auch nur von weitem – in Berührung treten mit der Mitte der Welt, mit dem verborge­nen letzten Sinn des Lebensganzen, mit der göttlichen Wurzel der Dinge, mit dem Inbegriff aller Urbilder (und Sehen, schauende Versenkung, ist die intensiv­ste Form der Aneignung, die es gibt), wo immer und wann immer wir auf solche Weise uns der Wirklichkeit im Ganzen zuwenden – da geschieht ein in sich selbst sinnvolles Tun.
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Feiern

Jeder am Konkreten sich entzündenden Festfreude liegt notwendig eine schlecht­ hin universale Zustimmung voraus, sich erstreckend auf die Welt im Ganzen, so­ wohl auf die Wirklichkeit der Dinge wie auf das Dasein des Menschen selbst. Vor­ ausgesetzt ist die Überzeugung, dass „der“ festliche Anlass schlechthin, der al­les Feiern allein letztlich zu begründen vermag, wirklich gilt und besteht; dass nämlich, auf die knappste Formulierung gebracht, im Grunde alles, was ist, gut ist, und dass es gut ist, zu sein. Der Mensch kann unmöglich im Einzelnen das Zuteil­ werden von etwas Geliebtem erfahren, wenn nicht Welt und Dasein im Ganzen ihm etwas Gutes und also „Geliebtes“ sind.
Josef Pieper, Über das Phänomen des Festes (= Werke, Bd. 7)

Was gehört dazu, ein Fest zu feiern? Zweifellos mehr als ein arbeitsfreier Tag. Es gehört dazu, dass der Mensch, aller Welt-Unstimmigkeit zum Trotz, ja selbst durch einen Schleier von Tränen hin­ durch, den letzten Sinn-Grund der Welt bejahe und sich mit ihm in Übereinstim­mung und von ihm umfangen wisse. Die­se Bejahung, diese Übereinstimmung, dies Sich-umfangen-Wissen auf eine un­alltägliche Weise darleben – eben das ha­ben die Menschen seit eh und je ein Fest genannt. Es zeigt sich hier, dass es kein Fest ohne Götter gibt, ja dass die kulti­sche Feier die Urgestalt des Festes ist.
Josef Pieper, Gottgeschenkte Atempause (= Werke, Bd. 7)

Freude

Wirklich freuen kann (und will) der Mensch sich nur, wenn es einen Grund zur Freude gibt. Und dieser Grund ist also das Erste, die Freude selbst das Zweite.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Niemand kann sich „absolut“, nur um der Freude willen freuen. Zwar ist es unsin­nig, einen Menschen zu fragen, warum er sich freuen wolle; und insofern ist die Freude „Selbstzweck“, Dennoch ist das Verlangen nach Freude nichts anderes als der Wunsch, es möchte einen Grund und Anlass zur Freude geben. Dieser Grund ist, sofern es ihn wirklich gibt, früher als die Freude und etwas anderes als sie. Er ist das Erste, die Freude ist das Zweite.
Josef Pieper, Über das Phänomen des Festes (= Werke, Bd. 7)

Freundschaft

Freunde blicken nicht einander an, und sie reden, sehr im Unterschied zu den erotisch Liebenden, kaum einmal von ih­rer Freundschaft; ihr Blick ist auf die Din­ge gerichtet, für die sie sich gemeinsam interessieren. Deswegen, so ist gesagt worden, finden Leute, die so einfachhin sich „einen Freund“ wünschen, mit ziem­licher Sicherheit keinen; dazu muss man sich zunächst einmal für etwas interes­sieren. Obwohl es also in der Freund­schaft eigentliche Intimität nicht gibt, ist dennoch der Freund vielleicht der einzi­ge Mensch, vor dem man völlig aufrich­tig redet und ohne Scheu „laut denkt“.
Josef Pieper, Über die Liebe (= Werke, Bd. 4)

Staunen

Wer die Dinge betrachtet als etwas Wirk­liches, als Gestalt des Seins, als creatura, der betrachtet sie nicht eigentlich „unter einem bestimmten Aspekt“. Im Philoso­phieren geht es so sehr um reines Ver­nehmen, dass im Vernehmenden sogar das Fragen verstummt. Das Beste und Wesentliche der philosophischen theoria ist das wortlose Staunen, das sich über den Lichtabgrund des Seins beugt.
Josef Pieper, Was heißt akademisch? (= Werke, Bd. 6)

Spielen

In Amerika habe ich die großartige Sen­tenz gehört: das Atom zu begreifen sei ein Kinderspiel, verglichen mit dem Be­greifen des Kinderspiels.
Josef Pieper, Hoffnung und Geschichte (= Werke, Bd. 6)

Sakrament

Mit einem Menschen, der keinen wesent­lichen Unterschied zu bemerken vermag zwischen einem durch elektrischen Strom zum Glühen gebrachten Draht und der lebendigen Flamme – mit einem solchen Menschen kann man über die Elemente der Sakramententheologie nicht reden, die eben darauf beruht, dass die Zeichenhaftigkeit der sichtbaren Welt beim Wort genommen wird, zunächst und zuvor natürlich überhaupt gesehen wird!
Josef Pieper, Notizen (= Werke, Bd. 7)

Wenn ein Aufruf zur Teilnahme an den Gottesdiensten der Karwoche darauf hinweist, die Liturgie des Karfreitags sei „die älteste und schönste des Kirchen­jahres“, so appelliert er an den rein äs­thetischen, „musealen“ Sinn, an den Wi­derpart des sakramentlichen Sinnes. Denn der museal-ästhetische Aspekt ist eine besonders gefährlich verkappte, weil besonders „geistig“ scheinende Weise, die sakramentlichen Zeichen just nicht beim Wort zu nehmen. (1943)
Josef Pieper, Notizen (= Werke, Bd. 7)

Dank


Tatsächlich unterscheiden sich etwa die Geschenke unter gemeinschaftlich ver­bundenen Menschen, unter Freunden, dadurch von denen, die in der „Gesell­schaft“ „ausgetauscht“ werden, daß der Freund weder zu einem „Gegenge­schenk“ sich verpflichtet fühlt noch ei­nes erwartet; ja, die Fähigkeit, sich be­schenken zu lassen, ohne sich sogleich zu einer möglichst gleichwertigen Gegen­leistung gedrängt zu sehen, und ander­seits das Schenken-können ohne die Er­wartung und den Hinblick auf den Ge­genwert – darin erweist sich gerade ech­te Gemeinschaft. Dagegen kommt in den für die Gesellschaft typischen Wort­ paaren „Besuch – Gegenbesuch“, „Ein­ladung – Gegeneinladung“, „Geschenk­ Gegengeschenk“, die alle den Begriff des „Sich-revanchierens“ einschließen, die charakteristische Tendenz zum Aus­ druck, einerseits sich selbst im eigensten Interesse den Partner zu verpflichten, anderseits – vom Partner aus gesehen – diese Verpflichtung möglichst sogleich wieder durch eine entgeltende Gegen­leistung aufzuheben. Es ist das eine Art „Bezahlung“, nach deren Vollzug die Part­ner „quitt“ sind; das heißt, sie sind wie­ der frei und ledig, ihre Einzelhaftigkeit ist gewahrt und bestätigt.
Josef Pieper, Grundformen sozialer Spielregeln (= Werke, Erg.-Bd. 1)

Der Lehrer

Lernen trägt sich nicht in der Weise zu, dass ein neutral-kritischer Geist das vom Lehrenden Dargebotene prüft, nachprüft und dann akzeptiert oder ablehnt. Son­dern, wie der Platon-Schüler Aristoteles es formuliert hat, wer lernen will, muss glauben; wer erfahren will, wie es sich verhält mit dem Letzten, dem Eigentli­chen, mit Gott und der Welt, der muss sich vertrauend, und das heißt, in gewis­sem Sinn unkritisch, in einer schweigen­ den Bereitschaft des Hörenwollens, ei­nem Menschen zuwenden: dem Lehrer. Das Prinzip des Descartes, das den ein­zelnen auf seine eigene, isolierte Subjek­tivität verweist, hat uns den Zugang zu der platonischen Weisheit verschlossen, die dem Fernen Osten nie verlorenge­gangen ist: dass ohne den persönlichen Lehrer Weisheit nicht zu haben sei.
Josef Pieper, Die Lernenden (= Werke, Bd. 1)

Worin auch immer sonst die Größe ge­schichtlicher Gestalten beruhen mag: ei­nen Weisheitslehrer werden wir nur dann zu den Großen zählen, wenn seine Aussage, über alle historischen Beding­nisse hinaus, auch für den späten Leser noch unmittelbar weitaufschließende, wirklichkeitserhellende Kraft besitzt. Dieser Kraft aber, dieser eigentlichen Gabe und „Botschaft“ wird nur der an­sichtig und habhaft werden, dem es bei seiner Befassung mit Text und Urkunde primär eben darum zu tun ist, „zu erfah­ren, wie die Wahrheit der Dinge sich verhält“.
Josef Pieper, „Billlgkeit“ in der Interpretation (= Werke, Bd. I)

Es muss nicht allein Lehrende geben, die sich Gehör zu verschaffen wissen; und es bedarf, auf der Seite der Aufnehmen­ den, nicht nur der Fähigkeit und des le­bendigen Willens, zu lernen. Noch etwas ganz anderes ist vonnöten, damit die Weitergabe des Überlieferten von Ge­schlecht zu Geschlecht zustande komme; ohne solche Tradierung aber, das ist klar, gibt es keine Bewahrung und erst recht keine Anreicherung des überkommenen Bestandes. Vonnöten ist dazu auch die Schule – „Schule“ verstanden in dem ganz besonderen, ursprünglichen Sinn dieses Wortes schole welches so viel be­deutet wie einen Ort der Muße. Das heißt: inmitten der menschlichen Gesell­schaft muss ein Raum frei gehalten wer­ den, in welchem die Erfordernisse der Notdurftstillung und der Existenzsiche­rung schweigen; ein Raum, der abge­schirmt ist gegen die Zwecksetzungen und Dienstbarkeiten der Praxis, und in dessen Hegung Lehren und Lernen wie überhaupt das Sich-Kümmern um „nichts sonst als die Wahrheit“ unbehelligt ge­schehen kann.
Josef Pieper, Scholastik (= Werke, Bd. 2)

Thomas von Aquin

Dies ist nicht eine willkürliche Ideal­setzung. Die ganz großen, die Wahrheit der Dinge auf umfassende Weise offen­barenden Gedanken haben etwas von der Verbindlichkeit der Realität selbst; sie üben eine faktische Nötigung aus. Und es lässt sich in der Tat zeigen, dass wir­ das heißt: die abendländische Christen­heit und die auf dem Boden und aus dem Erbe dieser abendländischen Christenheit lebenden Welt-Europäer des zwan­zigsten Jahrhunderts – noch immer tat­ sächlich unter der Nötigung jenes Richt­bildes stehen, das Thomas formuliert hat: Es gelingt uns einfach nicht, ohne Beun­ruhigung eine gegen jeden überweltli­chen Anruf isolierte Weltlichkeit zu le­ben; wie es uns gleichfalls nicht möglich ist, ohne Beunruhigung eine gegen jede Weltverpflichtung isolierte „religionisti­sche“ Religiosität zu leben. Wir bringen es nicht fertig (heißt das), konsequent ge­gen das Prinzip zu leben, das die Essenz des christlichen Abendlandes ausspricht. Der es aber zum ersten Male klar ausge­sprochen hat, ist eben Thomas von Aquin.
Josef Pieper, Thomas von Aquin (= Werke, Bd. 2)

Muss nicht ein rein materialer, auf das vom Lehrmeister wortwörtlich Gesagte ein­ geschränkter „Thomismus“ sich, not­wendigerweise, als unzulänglich erwei­sen in einer Epoche, die dem Menschen völlig neue Probleme stellt und ihm bis­ her kaum gekannte Realitäten vor die Augen bringt? In solchen Zeitläuften ist es notwendig, sich an die nichts ausschlie­ßende und vor nichts zurückschrecken­ de Bejahungskraft, an die seinsoffene Großherzigkeit und an die vertrauende magnanimitas des Denkens zu erinnern, die Thomas selbst eigen gewesen sind. Das Exemplarische des Doctor communis mag nicht leicht zutreffend beim Namen zu nennen sein; es liegt aber sicher vor allem in folgendem: in seiner Unbefan­genheit gegenüber jeder Möglichkeit von Wirklichkeitserkenntnis, sei sie theolo­gisch, philosophisch, wissenschaftlich oder rein empirisch; in seiner Sorge, nur ja nicht um einer vordergründigen Stim­migkeit willen irgend etwas auszulassen, das zum Ganzen der Wahrheit gehört; in seinem Mißtrauen gegenüber aller „ge­schlossenen Systematik“: in seiner Be­reitschaft zum Dialog, die kein Thema und keinen Partner prinzipiell ausschließt; in seiner Überzeugung, dass Konflikte die natürliche, völlig erwartbare Begleiter­scheinung des Fortschreitens sind, und in dem geduldig-zuversichtlichen Willen, Konflikte unter Verzicht auf vorschnelle Harmonisierungen durchzustehen und an ihrer Lösung mitzuarbeiten. – Und auch dies wäre wohl einer neuen Durchdenkung wert: dass all jene Haltun­gen so etwas wie ihre formelle theoreti­sche Rechtfertigung finden gerade in der Lehre von der unendlich vielgesichtigen Wahrheit der Dinge, die durch kein (menschliches) Erkennen je auszuschöp­fen ist und darum stets neu formulierbar bleibt.
Freilich würde solcher „Thomismus der Haltung“, will er sich mit Fug auf seinen Meister berufen können, zugleich die Entschlossenheit miteinschliessen müs­sen, nicht ein einziges Stück der überlie­ferten Wahrheitshabe preiszugeben – denn dies ist das Kennzeichnende der „Modernität“ von Albert und Thomas: daß beide es von sich gewiesen haben, um des Neuen willen den Raum der Überlieferung zu sprengen und zu ver­lassen; dass sie, in ihrer Zuwendung zu Aristoteles, weder die Bibel preisgege­ben haben noch Augustin (und also auch Platon nicht).
Josef Pieper, Unaustrinkbares Licht (= Werke, Bd. 2)

Thomas von Aquin und Platon – diese beiden Lehrmeister sind einander nicht so fremd, wie es auf den ersten Blick scheinen mag …. Vor allem stimmen bei­de Denker in der Überzeugung überein, daß der wahrhaft Philosophierende die gewusste und die geglaubte Wahrheit voneinander zwar klar unterscheiden muss, sie aber nicht gegeneinander ge­trennt halten kann, wofern nicht beide gleichermaßen steril werden sollen.
Josef Pieper, Philosophie in Selbstdarstellungen (=Werke, Erg.-Bd. 2)

Hoffnung

Wer etwas überliefern will, der muss nicht von Tradition reden; sondern er muss dafür sorgen, dass die zu überliefernden Inhalte, die alten Wahrheiten, präsent ge­halten werden, zum Beispiel durch eine lebendige Sprache, durch schöpferische Übersetzung, durch ständige Konfrontie­rung mit dem unmittelbar Gegenwärti­gen und vor allem auch mit der Zukunft.
Josef Pieper, Über die Schwierigkeit, heute zu glauben (= Werke, Bd. 7)

Wirkliches

Den Füllhalter zum Beispiel, mit dem ich schreibe, wird jeder natürlicherweise „als“ eben dieses besondere Schreibgerät betrachten, dessen wir uns heute zu be­dienen pflegen. Auf die Frage, was ich da in der Hand halte, erwartet man norma­lerweise eine Auskunft über die speziel­len Eigenschaften dieses Füllhalters, etwa über sein Fassungsvolumen, die Marke, die Herstellerfirma. Würde ich stattdes­sen etwa antworten: Ich habe hier, siehst du das nicht, ein Industrieprodukt in der Hand, etwas vom Menschen Entworfe­nes und Gemachtes, eine res artificialis. wie die Alten das nannten – so wäre das eine, gelinde gesagt, ziemlich unerwar­tete Antwort. Dabei wäre sie völlig zu­ treffend; sie brächte sogar höchst beden­kenswerte Dinge zur Sprache. Aber „als“ res artificialis betrachtet man eben durchschnittlicherweise weder einen Füllhalter noch sonst eine von den tau­send technischen (oder auch künstleri­schen) Hervorbringungen, mit denen wir ständig umgehen. Hätte ich im Sinn ge­habt, den Frager noch heftiger zu pro­vozieren, dann würde ich etwa gesagt ha­ben: dies ist ein Stück Materie. Was für verwunderte Gedanken ihm daraufhin gekommen sein würden, mag jeder sich nach Belieben ausmalen. Auch das wäre übrigens eine höchst sinnvolle, eine in ihrer Bedeutung gar nicht leicht auszu­schöpfende Antwort gewesen. Und doch hätte ich noch immer nicht mein Schreib­ gerät „als etwas Wirkliches“ betrachtet und bezeichnet.
Josef Pieper, Verteidigungsrede für die Philosophie (= Werke, Bd. 3)

Verzweiflung

Ich bin überzeugt davon, dass es für ei­nen unbestechlichen Geist kaum möglich sein dürfte, angesichts des Unheils in der Welt nicht zu verzweifeln, wenn es kei­ne göttlich verbürgte Gutheit des Seins gibt, die von keiner Macht der Destruktion erreicht wird: eben dies ist die „Nachricht“, die der Verzweifelnde, ge­rade er, noch nicht empfangen hat.
Josef Pieper, Sakraler Raum (= Werke, Bd. 7)

Armut

Man spricht viel vom Lob und dem „Wert“ der Armut. Das kann aber nur für die freiwillige Armut um Christi wil­len gelten. – Über die aufgezwungene Armut sagt z. B. Thomas von Aquin, der selbst ein Bettelmönch war, sie sei ein Übel schlechthin (simpliciter malum); ja, sie sei das größte soziale Übel überhaupt, da sie die Entfaltung des Menschen zu seiner Wesensvollendung unterbinde. Die Gesellschaft hat daher die Pflicht, die Verarmung der Unterschicht mit aller Macht zu bekämpfen. Zwar kann – ob­jektiv betrachtet – der Arme nichts Bes­seres tun, als die auf gezwungene Armut aus übernatürlicher Liebe zu Christus in eine freiwillige zu verwandeln. Aber, ab­ gesehen davon, dass für solche Gnaden­wirkung nur eine sehr geschwächte Empfänglichkeit vorausgesetzt werden kann, ist die Gesellschaft nicht berech­tigt, ihre eigene Unordnung, die aus na­türlichen Ursachen entstanden ist und durch natürliche Machtmittel der Organisationsklugheit behoben werden kann, mit heuchlerischer Geste als Mit­tel und Anlass zu heroischer Tugendübung aufzuputzen.
Josef Pieper, Thomas von Aquin und das Ei­gentumsrecht (= Werke, Erg.-Bd. 1)

II. Fragmente

1. Über Dunkel und Licht

Der helle Bezirk des erkenntnisbeherrschten, freien mensch­lichen Wirkens ist an allen seinen Grenzen dem Dunkel benachbart, dem Dunkel des Naturhaften in uns selbst und dem tieferen, undurchdringlichen Dunkel der unmittel­bar göttlichen Bestimmung unseres Wollens und Wirkens. Doch sind beide Bereiche dunkel nur für uns: in Wirklich­keit sind sie durchstrahlt von der unendlichen Helligkeit des göttlichen Wissens und Vor-sehens; von ihr aber sagt die Heilige Schrift: ihr „Licht“ sei „unzugänglich“ (1 Tim 6,16); und Aristoteles: zu ihr verhalte sich unser Verstand „wie das Auge der Nachtvögel zum Lichte des Tages“.

2. Über Sein und Sollen

Alles Sollen gründet im Sein. Die Wirklichkeit ist das Fun­dament des Ethischen. Das Gute ist das Wirklichkeitsge­mäße. Wer das Gute wissen und tun will, der muss seinen Blick richten auf die gegenständliche Seinswelt. Nicht auf die eigene „Gesinnung“, nicht auf das „Gewissen“, nicht auf die „Werte“, nicht auf eigenmächtig gesetzte „Ideale“ und „Vorbilder“. Er muss absehen von seinem eigenen Akt und hinblicken auf die Wirklichkeit.

3. Über hörendes Schweigen

Nur wer schweigt, hört. Und nur das Unsichtbare ist durch­sichtig. Hier allerdings ist ein tieferes Schweigen erfordert, als es die bloße Enthaltung von Wort und Äußerung ist. Es gibt auch ein inneres Wort; und auch dieses muss verstum­men, damit die Dinge zu Wort gelangen können.
Doch „tötet“ der in Wahrheit Hörende sich nicht ab zu widernatürlicher und widergeistiger Stummheit. Und sein Schweigen ist keineswegs leere und tote Lautlosigkeit. In diesem Schweigen ist nicht nur Hören, sondern auch Antwort. Was der wahre Hörer sich verbietet, ist einzig dieses: die selbsteigene Sonnenhaftigkeit des die Sonne er­ blickenden Auges zu trüben, der dem Seienden in innerster Gleichartigkeit ent-„sprechenden“ Antwortkraft der Seele ins Wort zu fallen.
Dem also schweigenden Hörer aber, ihm allein, er­ schließt sich die Welt; und je schweigender er lauscht, desto reiner vermag er die Wirklichkeit zu gewahren.
Weil „Vernunft“ nichts anderes ist als die Kraft, Wirk­lichkeit zu „vernehmen“, darum stammt alle vernünftige, sinnvolle, gesunde, klare, herzbewegende Rede aus hören­ dem Schweigen. Es bedarf also alles Reden der Eingrün­dung in die mütterliche Tiefe des Schweigens. Sonst ist das Wort herkunftslos; es wird Geschwätz, Lärm, Betrug.
Nicht allein wenn wir unter die Schwelle unseres We­sens hinabgezwungen, sondern auch wenn wir über unser Vermögen hinausgehoben werden, verlieren wir die Spra­che.
Der Herzbereich menschlichen Seins, der bebaute Acker von Wort und Sprache, grenzt also, rechts wie links, an die Wortlosigkeit: an das Verstummen der unmündigen Krea­tur, das Verstummen des Mystikers. Nach unten aber, in die Tiefe, treibt die Rede ihre Wurzeln ins nährende Erdreich des Schweigens.

4. Die Ziele bedürfen nicht der Überlegung.

Die letzten Ziele des eigenen Lebens zu wissen, ist nicht und kann nicht sein die Frucht eines in eben diesem „Le­ben“ erst noch zu erwerbenden und zu vollendenden Kön­nens. Die Ziele sind vor-gegeben. Niemand ist darüber in Unkenntnis, dass er das Gute lieben und verwirklichen muss; jedermann weiß – ausdrücklich oder nicht –, dass das wesenseigentümliche Gut des Menschen „das Sein gemäß der Vernunft“ ist, das heißt, das Sein gemäß der eigenen und der mitgeschaffenen Wirklichkeit; und es gibt nieman­den, dem erst noch gesagt werden müsste, dass er gerecht und tapfer sein und dass er maßhalten soll; zu all diesem bedarf es keiner „Überlegung“.

5. Überklugheit und Geiz

Erstaunlich und von kaum auszulotender Tiefe ist der Satz des Thomas von Aquin: die falsche Klugheit und Überklug­heit sei dem Geiz entsprungen und wesensverwandt.
Diese Aussage stellt auch die Tugend der Klugheit selbst und die in ihr wirkende Grundhaltung des Men­schen noch einmal in ein scharfes und neues Licht; sie schließt den Sachverhalt in sich, dass die Klugheit auf ei­ne ganz besondere Weise dem Geiz entgegengesetzt sei. Wie durch eine Sprengung öffnet sich plötzlich eine Ver­bindung zwischen mehreren Gedankengängen, die bisher nicht zusammenzuhängen schienen.
Die deutsche Sprache scheint sich übrigens, in einer nicht mehr ganz deutlichen Erinnerung, jener geheimen Verbundenheit von Geiz und falscher Klugheit bewusst zu sein, was eine mindestens ebenso überraschende Tatsache ist. Im Niederdeutschen bezeichnet ein und dasselbe Wort („wies“) den Klugen wie den Geizigen; und das mittel­ hochdeutsche Wort „karg“ (kare), das die findige Schlau­heit der Selbstsucht bedeutet, gilt als durchaus dem Sinn­bezirk und dem „Wortfeld“ der Klugheit zugehörig.
„Geiz“ meint hier mehr als die ungeordnete Liebe zu Geld und Besitz. Geiz ist hier zu verstehen als das maßlose Streben nach all der „Habe“, durch die sich der Mensch seiner eigenen Größe und Geltung versichern zu können meint. Geiz also bedeutet die ängstliche Greisenhaftigkeit krampfhafter, einzig auf Bestätigung und Sicherung be­dachter Selbstbewahrung. Bedarf es noch eines Wortes, dass und wie sehr dies alles der innersten Richtung der Klugheit entgegen ist; wie sehr das erkennende und aner­kennende Schweigenkönnen des Subjekts angesichts der Wahrheit der wirklichen Dinge, wie sehr Seinsgerechtig­keit im Erkennen und Beschließen unmöglich ist ohne die Jugendlichkeit des tapfer vertrauenden und sozusa­gen selbstverschwenderischen Verzichts auf die Vorbehalte ängstlicher Selbstbewahrung und auf alles ichhafte „Inter­esse“ an bloßer Selbstbestätigung; wie sehr also die Tu­gend der Klugheit unmöglich ist ohne die ständige Bereit­schaft des Absehens von sich selbst, ohne die Gelöstheit und Krampflosigkeit wirklicher Demut und Sachlichheit?

6. Über das Schmecken der Wirklichkeit

Die Grundhaltung der Seinsgerechtheit, der Sachlichkeit, der Objektivität, die in der klassischen Lehre von der Klug­heit zum Ausdruck kommt, wurde im Mittelalter zusam­mengefasst in dem großartig-einfachen Satz: Weise ist der Mensch, wenn ihm alle Dinge so schmecken, wie sie wirk­lich sind. Es ist nun eine, wie mir scheint, kaum wichtig genug zu nehmende Erfahrung der modernen Seelenkun­de, genauer gesagt, der modernen „Seelenheilkunde“: dass ein Mensch, dem die Dinge nicht so schmecken, wie sie sind, sondern der in allen Dingen nur sich selber schmeckt, weil er nur auf sich selber hinblickt – dass dieser Mensch nicht nur die reale Möglichkeit der Gerechtigkeit (und al­ler sittlichen Tugend überhaupt) verloren hat, sondern dass er auch die seelische Gesundheit verloren hat; ja, dass ei­ne ganze Kategorie seelischer Erkrankungen wesentlich in dieser ichhaften „Unsachlichkeit“ besteht.

7. Tapferkeit ist nicht „Optimismus“

Tapferkeit setzt in einem bestimmten Sinne voraus, dass der Mensch sich vor dem Übel fürchtet; ihr Wesen liegt nicht darin, keine Furcht zu kennen, sondern darin, sich durch die Furcht nicht zum Bösen zwingen oder von der Verwirk­lichung des Guten abhalten zu lassen. Wer sich – und sei es auch um des Guten willen – in eine Gefahr begibt, ohne um ihre Gefährlichkeit zu wissen, oder aus einem triebhaften Optimismus heraus („mir wird schon nichts geschehen“) oder in dem begründeten Vertrauen auf die eigne Kraft und Kampfestüchtigkeit – der besitzt damit nicht schon die Tu­gend der Tapferkeit. Die Möglichkeit, im echten Sinne tap­fer zu sein, ist erst dann gegeben, wenn alle jene scheinba­ren oder wirklichen Sicherheiten versagen, das heißt, wenn der natürliche Mensch sich fürchtet; und zwar nicht, wenn er sich aus unbegründeter Ängstlichkeit fürchtet, sondern wenn er auf Grund der klaren Einsicht in die wirkliche La­ge der Dinge nicht anders kann, als sich – also sozusagen mit gutem Grunde – zu fürchten. Wer in solcher Situati­on des unbedingten Ernstfalles, vor der jeder miles glorio­sus verstummt und jede heroische Geste lahm wird, auf das Furchtbare zugeht und sich nicht hindern lässt, das Gute zu tun, und zwar um des Guten, das ist letztlich um Gottes willen, nicht also aus Ehrgeiz oder aus Angst, für feige ge­halten zu werden: der erst ist wirklich tapfer.

8. Perikles über die Tapferkeit

Die Tugend der Tapferkeit hat nichts zu tun mit einem rein vitalen, blinden Draufgängertum (so sehr sie ander­seits Gesundheit im Vitalen vorausgesetzt, mehr vielleicht als irgendeine andere Tugend). Nicht der ist schon tapfer, der sich unbesehen und unterschiedslos irgendeiner Ge­fahr aussetzt; denn das besagt nichts anderes, als dass einer alle möglichen Dinge unbesehn und unterschiedslos für wertvoller hält als die persönliche Unversehrtheit, die er dafür aufs Spiel setzt. Nicht irgendein Sich-Einsetzen für irgendwas macht das Wesen der Tapferkeit aus, sondern nur eine Selbsthingabe, die der Vernunft, und das heißt: dem wahren Wesen und Wert der wirklichen Dinge, ent­spricht. Echte Tapferkeit setzt eine richtige Einschätzung der Dinge voraus; sowohl derer, die man „riskiert“, als auch derer, die man durch den Einsatz zu bewahren oder zu gewinnen hofft.
Jene griechische Rühmung, die Perikles in die hohen Worte seiner Rede für die Gefallenen gefasst hat, spricht auch eine christliche Weisheit aus: „Denn auch dies ist un­sere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten überlegt haben. Bei andern aber erzeugt nur die Unkenntnis Tapferkeit, die Überlegung jedoch Zagen.“

9. Über Zucht und Unzucht

Es ist ein zwar alltäglicher, aber darum nicht weniger ge­heimnisreicher Sachverhalt, dass die innere Ordnung des Menschen nicht – wie die von Kristall, Blume und Tier – ei­ne einfachhin gegebene und selbstverständliche Wirklich­keit ist, sondern dass vielmehr die gleichen Kräfte, aus de­nen das menschliche Dasein sich erhält, jene innere Ord­nung bis zur Zerstörung der geistig-sittlichen Person ver­kehren können. Schwer begreiflich ist vor allem, dass wirk­lich das innerste menschliche Selbst es ist, das sich selber bis zur Selbstzerstörung in Unordnung zu bringen vermag. Der Mensch ist ja nicht ein Kampfplatz widerstreitender Kräfte und Untriebe, die einander besiegen; und es ist ja doch nur eine bildliche und ungenaue Redeweise: die Sinn­lichkeit „in uns“ siege über die Vernunft. Vielmehr: immer sind einzig wir selber die Täter von Zucht und Unzucht, von Selbstbewahrung und Selbstzerstörung. Immer ist es die Entscheidungsmitte der ganzen und unteilbaren Per­son, von der aus die innere Ordnung gewahrt oder verkehrt wird: „Ich tue, was ich nicht will, das Böse“ (Röm 7,19).

10. Über „Disziplin“

Die „Disziplin“, so sagt Ernst Jünger in seiner bemerkens­werten Abhandlung „Über den Schmerz“, habe keine an­dere Bedeutung als diese: das Leben in ununterbrochener Fühlung mit dem Schmerz zu halten und dadurch in der Bereitschaft, „zu jeder Stunde im Sinn einer höheren Ord­nung zum Einsatz gebracht“ zu werden. Nun ist zwar der maskenhaftstarre Jüngersche Begriff der „Disziplin“ durchaus unterschieden gegen den christlichen der Zucht und des Maßes; niemals etwa vermöchte Jünger den Satz des Thomas von Aquin mitzuvollziehen: „Ziel und Norm der Zucht ist die Glückseligkeit“. Dennoch erscheint, wenn man von dem Tatbestand des Schmerzes her den christli­chen Begriff der Zucht ins Auge fasst, hinter seiner vorder­gründigen Schöpfungsfröhlichkeit ein härteres Antlitz, ge­prägt durch die Entscheidung, das Geschaffene um seines Schöpfers willen dahinzugeben – wenngleich auch dieses härtere Antlitz widerleuchtet von einer bejahenden Heiter­keit, die alle naive Schöpfungsfröhlichkeit noch um eine Unendlichkeit überragt.

11. Über die Zürnkraft

Das christliche Gemeinbewusstsein pflegt, wann immer vom Zorn die Rede ist, einzig das Unbeherrschte, das Wi­dergeistige, das Negative daran ins Auge zu fassen. Ebenso aber wie „Sinnlichkeit“ und „Begehren“, so gehört auch die Kraft des Zürnens zu den Urkräften des menschlichen We­sens. In dieser Kraft, zu zürnen, spricht sich geradezu die Energie der Menschennatur am deutlichsten aus. Auf das schwer zu Erlangende, auf das dem mühelosen Zulangen sich Versagende richtet sich diese Kraft, überall da zum Einsatz bereit, wo ein bonum arduum, ein „steiles Gut“, auf Eroberung wartet.
Wer also die Kraft des Zürnens verketzert, als sei sie in sich selbst etwas Widergeistiges und also „abzutöten“, der tut das gleiche wie einer, der solches von „Sinnlichkeit“, „Leidenschaft“ und „Begehren“ sagt – beide schmähen die Grundkräfte unseres Wesens, beide beleidigen den Schöp­fer, der, wie die Liturgie der Kirche sagt, „die Würde des menschlichen Wesens wunderbar gegründet“ hat.

12. Über die Heiterkeit des Herzens

Hilaritas mentis, Heiterkeit des Herzens: mit nichts sonst verbindet die christliche Lebenslehre diesen Begriff so eng wie mit der Urgestalt aller Askese, dem Fasten. Diese Ver­knüpfung ist grundgelegt im Neuen Testament, in der Wei­sung des Herrn, die von der Kirche Jahr für Jahr zu Be­ginn der Fastenzeit verkündet wird: „Wenn ihr fastet, dann macht kein finsteres Gesicht!“ (Mt 6, 16).
Augustinus sagt: es sei ganz und gar gleichgültig, was und wieviel einer esse, sofern dabei nur das Wohl derer, mit denen er Gemeinschaft habe, und sein eigenes Wohl und das Erfordernis der Gesundheit gewahrt werde; worauf es ankomme, sei einzig dieses: mit welcher Leichtigkeit und Heiterkeit des Herzens er darauf zu verzichten vermöge, wenn Not oder Sollen es verlangen.

13. Über Abstinenz und Stumpfheit

Wenn sie überhaupt einer eigentlich sittlichen Wertung unterstellt werden, so pflegen jedenfalls die Verfehlungen wider die Tugend der abstinentia, wider die „Vernunftord­nung“ also im Bezirk der Lust an Essen und Trinken, sehr leicht genommen zu werden. Eine klare und entschiede­ne Bejahung des christlichen Menschenbildes aber wird gleichwohl das Zerstörerische deutlich bemerken, das der süchtigen Sorge um das Was und Wieviel von Speise und Trank innewohnt. Thomas hat dieses Zerstörerische als he­betudo sensus bezeichnet, als Stumpfheit und Unschärfe des inneren Sinnes, die geistigen Realitäten aufzufassen. Sollte nicht ein gewisser ursächlicher Zusammenhang bestehen zwischen der fast schon selbstverständlich und alltäglich gewordenen Erscheinung dieser Stumpfheit des inneren Sinnes und der gleichfalls selbstverständlich gewordenen Alltäglichkeit jenes Leichtnehmens?

14. Unreinheit zerstört die Person.

Offen zu sein für die Wahrheit der wirklichen Dinge und aus der ergriffenen Wahrheit zu leben: das macht das We­sen des sittlichen Menschen aus. Nur wer diesen Sachver­halt sieht und bejaht, vermag auch zu erkennen, wie tief die Zerstörung reicht, die ein unkeusches Herz in sich selbst geschehen lässt.

15. Sinnliches Genießen erst durch Keuschheit möglich

Nicht nur die Sättigung des Geistes durch die Wahrheit ist unmöglich ohne Keuschheit, sondern auch die eigentli­che sinnliche Freude am sinnlich Schönen. Dass sinnliches Genießen durch die christliche Lebenslehre nicht aus dem Bereich des Sittlich-Guten (nicht nur nicht des „Erlaubten“) ausgeschlossen wird, braucht nicht noch eigens dargelegt zu werden. Dass aber dieses Genießen just durch die Tu­gend der Zucht und des Maßes erst ermöglicht werden soll- das ist ein überraschender Gedanke. Und doch steht in der Summa theologica des heiligen Thomas solches zu lesen – wenngleich mehr zwischen und hinter den Zeilen des ausdrücklich Gesagten. Bei den Tieren, so heißt es da, entspringe aus der Tätigkeit der anderen Sinne, des Auges etwa und des Ohres, keine Lust außer in Hinordnung auf die Befriedigung von Hunger und Paarungstrieb; einzig wegen des Fraßes „freue“ sich der Löwe, der einen Hirsch erspähe oder seinen Ruf höre. Der Mensch hingegen ver­möge sich darüber hinaus des Gesehenen und Gehörten auch propter convenientiam sensibilium zu freuen, wegen der dem Gesehenen oder Gehörten innewohnenden sinnlichen „Angemessenheit“ selbst, worunter nichts anderes als eben die sinnliche Schönheit zu verstehen ist. Man liest und hört nicht selten, in der Unzucht sinke der Mensch auf die Stu­fe des Tieres hinab – eine mit Vorsicht zu gebrauchende Wendung; denn Unzucht (wie auch Zucht) ist etwas aus­ schließlich Menschliches, weder der Engel kennt sie noch das Tier. Aber von jener Unterscheidung her bekommt die
Redensart doch einen guten Sinn: ein unkeuscher Genuss­wille hat die Tendenz, den Gesamtbestand der sinnlichen Welt, besonders die sinnliche Schönheit, einzig auf die Ge­schlechtslust zu beziehen. Nur eine keusche Sinnlichkeit also vermag die eigentlich menschliche Fähigkeit, etwa die des menschlichen Leibes, als Schönheit zu gewahren und sie, unverwirrt und nicht befleckt von einem alles verne­belnden selbstischen Genusswillen, um ihrer selbst willen, propter convenientiam sensibilium, zu genießen. Es ist mit Recht gesagt worden: nur wer ein reines Herz habe, ver­möge frei und befreiend zu lachen. Nicht minder gilt, dass nur, wer mit reinen Augen in die Welt blickt, ihre Schönheit erfährt.

16. Das Dasein hat die Bauform der Hoffnung.

Die menschliche Existenz und alles unmittelbar ihr Zuge­hörige hat die Bauform der Hoffnung. Wir sind viatores, auf dem Wege, „noch nicht“ Seiende. Darin steckt ein Nein und ein Ja: wer könnt sagen, er besitze bereits das ihm zuge­dachte Sein; er habe irgendetwas begriffen (begreifen heißt: etwas so sehr erkennen, wie es erkennbar ist, etwas zu Ende erkennen); er habe die Gesamtheit der seienden Dinge ab­ geschritten. Und doch steht gegen dieses Nein ein Ja: wie sehr unser Leben, unser Erkennen auch Stückwerk sei, es ist dennoch Schritt auf dem Wege – mag dieser Weg auch unbeendlich sein. Eben dies aber ist, was wir die „Bauform der Hoffnung“ nannten. In der Tugend der Hoffnung ge­schieht der Nachvollzug der ursprünglichen Bauform des menschlichen Daseins selber.

17. Über die Hoffnung des Christen und des Heiden

Niemals kann der natürliche Mensch mit solcher Sieghaf­tigkeit wie der Christ sagen: es wird gut enden mit mir selbst. Und nie kann die Hoffnung des natürlichen Men­schen ein solches „Ende“ erhoffen wie die des Christen. Niemals aber auch könnte ein Heide zu so tiefer Verzweif­lung versucht werden wie der Christ und, so scheint es, ge­rade die großen Christen und die Heiligen.

18. Der Verzweifelnde kann Optimist sein.

Hoffnung und Verzweiflung können je verschiedene Gra­de des Tiefgangs besitzen. Oberhalb einer Hoffnung, die in der innersten Seinstiefe der Seele wurzelt, kann es, näher der Oberfläche sozusagen, mancherlei Verzweiflungen ge­ben. Aber sie berühren die tiefere Hoffnung nicht, und sie haben keine endgültige Bedeutung. Anderseits: ein im letz­ten Grunde verzweifelter Mensch kann in den vorletzten Seinsbereichen, etwa des Natürlich-Kulturellen, durchaus als Optimist erscheinen, anderen und sich selbst, falls er nur die innerste Kammer der Verzweiflung radikal abzu­dichten versteht, so dass kein Schmerzenslaut nach außen dringen kann; (und es spricht vieles dafür, dass der zeitge­nössische Weltmensch es darin zu einer wahrhaften Virtuo­sität gebracht hat).

19. Über Lesen und Vorlesen

[Auszüge aus: 400 Jahre Köselverlag (München, 1993), 59-65]

Meine Kinder haben mich gelegentlich, die Bücherwän­de meines Arbeitszimmers betrachtend, etwas ungläubig gefragt, ob und wieso ich wirklich schon vor dem Ab­itur das Wichtigste von Dostojewski, Tolstoi, Balzac und sogar einiges von Kierkegaard gelesen haben könne. Sie vermögen es sich schon nicht mehr vorzustellen, welches Maß an freier Zeit einmal die schlichte Tatsache bedeutet hat, dass es weder Rundfunk noch Fernsehen gab. So ha­ben meine Freunde und ich als Sekundaner und Primaner ziemlich wahllos ungezählte Bücher gelesen, deren Bedeu­tung, im Positiven wie auch im Negativen, sich erst später gezeigt hat. Der Siebzehnjährige zum Beispiel, der mehr oder weniger zufällig an ein von Theodor Haecker über­setztes Buch von Sören Kierkegaard geraten und, obwohl ihm das wahrhaft Gemeinte sicher noch verborgen blieb, sogleich fasziniert war von der ironisch-polemischen Dik­tion des Vorworts, konnte unmöglich ahnen, dass ebendies für ihn unversehens zur Lebenswende geraten sollte. Es war ein reiner Glücksfall, damals einem merkwürdigen Lehrer zu begegnen, mit dem mich sogleich ein beson­deres Vertrauensverhältnis verband. Als Bauernsohn aus dem Münsterland war er in jungen Jahren Dominikaner geworden, durch die Schule des französischen Thomismus gegangen, dann aus gesundheitlichen Gründen aus dem Orden ausgetreten und nun Religionslehrer am münsteri­schen Gymnasium Paulinum geworden. Ihm also las ich eine Passage aus Kierkegaards „Buch über Adler“ vor, die mit den Worten begann: „Da unsere Zeit, wie der Friseur sagt, eine bewegte Zeit sein soll … „. Mein Lehrer hörte sich das mit freundlicher Geduld eine Weile an, während seine Hand den rötlichen Bart strich; dann aber sagte er, das sei in der Tat gut gesagt; aber im Grunde sei es doch „Konditor­ Gebäck“. „Was Sie aber brauchen, ist Brot!“ Und dann empfahl er mir, doch einmal den Kommentar zu lesen, den Thomas von Aquin zum Prolog des Johannes-Evangeliums geschrieben habe. Etwas ernüchtert und enttäuscht verab­schiedete ich mich; aber schon ein paar Tage später saß ich, zusammen mit einem Freunde, vor dem mittelalterlichen Text. Die lateinische Sprache machte uns keine Schwierig­keit. Wohl aber war uns eine bis dahin ganz unvertraute Art des Lesens abverlangt, die eher der Mühsal der Wein­ „Lese“ oder der Ähren-“Leserin“ glich: mit angespannter Aufmerksamkeit pflückten wir die einzelnen Worte aus dem glasklaren lateinischen Text und suchten sie möglichst unversehrt hinüberzutragen in ein möglichst ebenso klares Deutsch. Die „Lebenswende“ aber, von der ich sprach, ge­schah wahrhaftig in ebendiesen Tagen, jedenfalls bereitete sie sich darin vor: ohne dass ich dessen deutlich gewahr ge­worden war, hatte sich die Begegnung mit meinem großen Lehrmeister ereignet, dessen Schüler ich bis heute geblie­ben bin. Die Promotionsarbeit des Zwanzigjährigen und die bald darauffolgenden Veröffentlichungen waren nichts anderes als „Protokolle“ meiner ersten Entdeckungsreisen durch den Kontinent „Thomas von Aquin“. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr es mir dabei zugute kam, und dass es keineswegs ein Unglück ist, keinen fachkundigen Begleiter und Lehrer zu haben. Tatsächlich hatte der ein­zige Professor, der für die Betreuung meiner Promotion in Betracht kam, den Mut, das (wie Kant sagt, selten von den Kathedern zu hörende) Bekenntnis zum Nicht-wissen vor dem staunenden Kandidaten auszusprechen; tatsächlich war er, wie ich wusste, vor allem Psychologe; und so ließ er mich für meine Arbeit allein. Damit ist das Thema „Lesen“ wieder zur Sprache gebracht: für meine Thomas-Lektüre bekam ich von ihm weder fördernde noch einschränken­ de Hinweise; vor allem blieb es mir erspart, mich um die schulmäßigen, mir weithin unbekannten „ … ismen“ küm­mern zu müssen, die sich um den Namen „Thomas“ ange­siedelt hatten. So habe ich in einer Art „Rausch“ sozusagen hemmungslos mich in das Werk des Meisters selber vertieft und gelesen, gelesen, gelesen.
In den recht kargen Jahren kurz vor dem Ausbruch des Krieges, da der „freie Schriftsteller“ bei einem monatlichen Einkommen von 225,- Mark die Gründung einer Fami­lie wagte, war es gerade diese Kargheit, welche zugleich Freiheit bedeutete. An meinem 85. Geburtstag fragte mich mein Sohn beim festlichen Mahl: „Was eigentlich hattet Ihr, verglichen mit uns, damals nicht?“ Ich brauchte nicht lange nachzudenken: „Natürlich kein Auto, auch keinen Kühlschrank; viel wichtiger aber: keine Zeitung, kein Tele­fon, kein Radiogerät; Fernsehen gab es damals noch nicht.“ Und so blieb, trotz Thomas-Studium und Tagesgeschäft, noch Zeit, der jungen Hausfrau, zwischen Wohnraum und Kochnische auf einem Schemel hockend, eine ziemlich re­spektable Bibliothek vorzulesen: Leskows Erzählungen, den West-Östlichen Diwan, Rilke-Briefe und – nicht zu ver­gessen – „Die Kleine Schöpfung“ von Konrad Weiß. […]
Auf ziemlich kuriose Weise ging, während der er­sten Kriegsjahre, auch die einigermaßen kontinuierlich durchgehaltene Thomas-Lesung weiter, die ich stets als kaum noch erwartbares Geschenk empfunden habe. Ich war zur „Wehrmacht-Psychologie“ einberufen worden, zu der münsterischen „Dienststelle für Eignungsuntersuchun­gen“. Aber auch wenn wir, manchmal eine ganze Woche lang, an irgendeinem Standort der Truppe Dienst zu tun hatten, fand sich immer noch eine Nische, in der ich ins­ geheim das mir vor allem Wichtige treiben konnte. Die nach dem frühen Abendessen sogleich ins leidenschaftli­che Kartenspiel versunkenen Kameraden ahnten natürlich nicht, was der mit gutartiger Ironie und wohlgelaunt auf sein Zimmer entlassene Outsider wohl zu schreiben ha­ben würde: ich holte mir einen Band der „Summa theolo­giae“ aus meinem Gepäck und suchte mir, hin und wieder beunruhigt durch das ferne Gedröhn englischer Luftan­griffe, sentenzenartige Texte zusammen, die dann, weit über elfhundert an der Zahl, nach dem Kriege in einem „Thomas-Brevier“ veröffentlicht werden sollten – durch meinen Verleger-Freund Heinrich Wild, der zum Kriegsen­de noch, verwundet als amerikanischer Kriegsgefangener, in einem Lazarett festgehalten werden sollte.
Seltsamerweise befand ich mich zur gleichen Zeit, im Frühjahr 1945, gleichfalls in einem Lazarett und gleich­ falls in amerikanischer Kriegsgefangenschaft – obwohl ich weder verwundet war noch zum Lazarettpersonal gehör­te. Ich war, wenige Wochen vor Kriegsende, an meinem Glückstag, dem Thomas-Fest, also am 7. März (an dem die Amerikaner bei Remagen über den Rhein marschierten), wiederum zu Eignungsuntersuchungen an Schwerkriegs­ beschädigten an das Lazarett Bigge im Sauerland versetzt worden, aber nicht mehr in der „großen Kriegsbemalung“ des Wehrmacht-Psychologen, sondern als schlichter „Flie­ger P.“. Ich hatte eben die Arbeit begonnen, da näherte sich die Front der Amerikaner. Ich hatte, wie das gesamte Lazarett-Personal, die Armbinde mit dem Roten Kreuz an­ zulegen. Dann übernahmen die Amerikaner das Lazarett und verboten, völlig sinnlos, die Eignungsuntersuchun­ gen. So war ich plötzlich ohne Funktion – wie ein Häftling. Da erschien unerwartet der Freund Dr. Schranz, der ja in der Nachbarschaft wohnte und als Arzt Zutritt hatte zum Lazarett und also auch zu dem Kriegsgefangenen Flieger P. Nach kurzer Lagebesprechung erinnerte er mich daran, wie oft ich in den vergangenen Jahren in seiner Bibliothek die fünfzigbändige Sophien-Ausgabe der Goethe-Briefe betrachtet und seufzend geklagt habe, dass man wohl nie­mals die Zeit finden werde, sie zu lesen; aber jetzt sei sie doch da. Im Nu war verabredet, ich solle regelmäßig zwei bis drei Bände gebracht bekommen durch einen Lehrling der dem Lazarett angeschlossenen Buchbinderei – und so weiter; das Ergebnis braucht nicht weiter beschrieben zu werden. Was aber nun in den nächsten Wochen über den „Leser“ hereinbrach, kann man nur als schlechthin aben­teuerlich bezeichnen. Natürlich habe ich die fünfzig Bände mit völlig unabgelenkter Aufmerksamkeit Wort für Wort gelesen (und nebenher noch ein paar hundert Notizblätter mit Exzerpten gefüllt), wobei mir ein bis dahin völlig unbe­kannter Goethe vor den Blick kam, vor allem der Schwei­ger, den ich in einem kleinen Buch zu porträtieren versucht habe. Natürlich hätte ich mir die Stille des Lesesaals einer Universitätsbibliothek gewünscht. Aber der Lärm rundum und die manchmal bösartigen Attacken der mit mir auf en­gem Raum zusammengepferchten Kameraden gegen den „geistig interessierten“ Nichtstuer haben den von seinem Gegenstand faszinierten Leser kaum abzulenken vermocht.
Dies mir völlig unerwartet widerfahrene Lese-Abenteuer liegt nun schon fast ein halbes Jahrhundert zurück. Doch wenn ich die „wunderliche“ Mitteilung bedenke, die der einundachtzigjährige Goethe dem Freunde Zelter anver­traut, „dass ich, nach einer schnellen strengen Resoluti­on, alles Zeitungslesen abgeschafft habe“ – finde ich darin ziemlich genau die eigene Situation des „Lesers“, hier und heute, zur Diskussion gestellt.

Die Sammlungen der Sentenzen und Fragmente Josef Piepers stammen von William J. Hoye (1940-2022). Seit ihrer Gründung im Jahr 1993 hat William J. Hoye die Arbeit der Josef Pieper Stiftung maßgeblich und nachhaltig geprägt, zunächst als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates und von 2011 bis 2021 als Vorstandsmitglied. Als Professor für Systematische Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Theologischen Anthropologie an der Universität Münster war es sein besonderes Anliegen, in Lehrveranstaltungen, Vorträgen und Publikationen das Lebenswerk Josef Piepers zu fördern – geleitet vom Bewusstsein, „dass es heute einen größeren Bedarf für seine Einsichten gibt als je zuvor“.
Seine eigene Website www.hoye.de dokumentiert sein akademisches Schaffen und bietet eine große Vielfalt von Texten und Materialien zur Theologie und Philosophie.

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